Dienstag, 24. Juli (Tag 131)

Dienstag, 24. Juli 2007 (Tag 131),
meine frühe Müdigkeit von gestern hatte auch ihr Gutes, ich bin fit wie ein Turnschuh (aber ein neuer, kein ausgelatschter). Auf Arbeit beginne ich mit der Dokumentation, und wo ich schonmal dabei bin, kommt gleich ein komplettes Dokumentationssystem dabei heraus. Alle Informationen beziehe ich, soweit möglich, direkt aus dem Quelltext, so dass ich nur noch dazuschreiben muss, was welches Modul eigentlich macht und was in welcher Tabellenspalte jeweils zu sehen ist. Ich bin so fleißig am Nachmittag, dass die Zeit wie im Flug vergeht und ich fast den Taxifahrer verpasst hätte.
Apropos Flug: Noch einen Monat haben wir hier, dann geht’s nach Hause. So langsam wird uns die Zeit hier auch lang und es wird wirklich endlich mal Zeit. Wir zählen die verbleibenden Arbeitswochen (bei mir noch drei, bis zum 15. August, Steffi ist am 10. schon durch) und die danach noch verbleibenden Urlaubstage (eine gute Woche haben wir zum Sachen packen Zeit, oder wir reisen noch ein wenig, mal sehen, wie uns Lust und finanzielle Mittel beschert sind).
Nicht, dass uns jemand falsch versteht, aber es reicht langsam mal. Die Leute hier sind ja immer noch größtenteils nett und freundlich, auch die Sonne scheint jeden Tag (auch wenn es in den Gebäuden ohne Heizung A****-kalt sein kann), der Misti steht auch noch und Geld fürs Arbeiten gibt’s ja auch regelmäßig.
Trotzdem, irgendwann ist genug mit einem Leben aus zwei Reisetaschen, einem Leben in einem gemieteten Haus, mit lauter Macken (Beispiele? Der Wasserhahn in der Küche schließt nicht mehr richtig, also drehen wir immer die Absperrventile zu; der Spülkasten im Bad leckt, es steht immer etwas Wasser auf dem Boden, was so richtig unschöne Schmutzflecken ergibt, sobald irgendwer mit seinen Schuhen durchgelatscht ist; in der Küche flackert die Leutstoffröhre; im Wohnzimmer ist schon eine Weile eine Glühlampe durchgebrannt; das Parkett kommt hoch, weil es unversiegelt wie es ist, bei jedem Putzen Wasser zieht; die Putzmoral und die Einhaltung des Putzplans lassen so langsam nach; und und und …), die man eigentlich beheben würde, wenn es das eigene wäre oder man es wenigstens für länger gemietet hätte.
Außerdem fehlen einem Selbstverständlichkeiten. Zu Hause kann man einfach mal Freunde und Familie besuchen, die einen sofort noch am gleichen Nachmittag, wenn man will, die anderen zumindest am Wochenende. Das nutzt man nicht ständig, aber die Option zu haben ist schon angenehm (ja, lieber Leser, fühle dich geehrt, du fehlst mir).
Und dann hat man teilweise jeden Tag aufs Neue Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und einen immer gleichen Kindergarten. Sicherlich, all das gibt es auch zu Hause, dort aber nicht ganz so geballt. So hatte ich gestern morgen auf Arbeit das Vergnügen, einen vollgestapelten Schreibtisch vorzufinden. Ich war schon um kurz vor acht da. Bis einer von den Kollegen dann mal kam und sich erbarmte, meinen Schreibtisch leerzuräumen, also viertel nach acht war es bestimmt.
Und dann das Essen: Ich würde gerne mal wieder einen leckeren Schweinebraten essen, am liebsten mit Rotkohl oder Rosenkohl. Überhaupt, wieder mehr Gemüse. Und Säfte trinken, die nicht demasiado dulce sind, ach ja, Apfelschorle, hier völlig unbekannt.
Und auch mal wieder in Ruhe Fernseh schauen, ohne das im Wohnzimmer gerade ein Salsa-Kurs abgehalten wird. Ja, auch das deutsche Fernsehprogramm wird einem schon nach kurzer Zeit wieder auf den Keks gehen, aber dann hat man ja immer noch andere Dinge, die man machen kann.
Fahrradfahren zum Beispiel. Fürs eigene Wohlbefinden und um nach einigen Stunden am Schreibtisch mal wieder frische Luft zu bekommen und überschüssige Energien sinnvoll abzubauen.
Oder oder oder. Ich denke, die Stimmung ist jetzt einigermaßen klar geworden. Wenn mich zur Zeit jemand fragt, wie ich es hier finde, oder warum ich mal nicht so gut drauf bin (im doch gar so schönen Peru), antworte ich inzwischen, dass mir Freunde und Familie fehlen. Und immerhin das versteht man hier. Denn auch wenn Peru noch so schön ist, die hier sehr hoch angesehene Familie kann es nicht ersetzen. Und so habe ich meinen Grund, hier wieder weg zu dürfen, ohne dass auch nur ein Peruaner beleidigt sein muss.
Was bleibt einem? Es ist zwar keine schöne Erfahrung, bleibt aber eine Erfahrung, von der man später noch profitieren kann. Und man muss halt das Beste daraus machen. Sich zum Beispiel darüber freuen, dass einem die Freundin leckere Chocman-Törtchen mitbringt. Kennt noch jemand Yes (kleine Torte statt großer Worte)? So in etwa schmecken die.
Oder man muss Feste feiern wie sie fallen. Eines der Mädels vom Stammtisch hat heute Geburtstag, wir sind eingeladen. Wir besorgen also noch eine Flasche Wein (trockenen Rotwein in Peru zu bekommen, kann auch ein mittleres Drama werden, aber dazu ein anderes Mal) und ein lustiges T-Shirt. Gegen halb neun sind wir dann da bei der Feier. Auch die anderen Deutschen vom Stammtisch und aus unserem Haus sind da, Oskar hat seine Gitarre mitgebracht, es wird eine recht lustige Feier (nicht die Party unseres Lebens, aber soweit in Ordnung).
Wenn auch der reguläre Stammtisch heute dadurch ausgefallen ist, wir ziehen später noch zu Fuß ins déjà-vu, schließlich ist ja Dienstag und einen vernünftigen Abschluss hat dieser Abend auf alle Fälle verdient.

kleine Freuden des Alltags

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3 Gedanken zu “Dienstag, 24. Juli (Tag 131)

  1. madcynic Donnerstag, 26. Juli 2007 / 15:06

    Ahja. Na immerhin kommt das Gefühl erst jetzt und nicht schon vor drei Monaten. 😉
    *geehrt fühlen tu am sein*

  2. hedo Samstag, 28. Juli 2007 / 10:30

    ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl erkannt:
    der Schweinebraten steht somit auf der Einkaufsliste für demnächst 😉

    haltet durch!!

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